„Unsere Vision ist nicht der Verkauf von billigen Maschinen“

PARIS. Der internationale Werkzeugmaschinenbau entdeckt zunehmend die Luft- und Raumfahrtindustrie als Markt mit nachhaltigen Wachstumschancen. Auch der japanische Hersteller Mori Seiki hat den Aerospace-Sektor fest im Visier. Takeshi Saito, Europa-Präsident von Mori Seiki, gab aerotec-Redakteur Christian Klein interessante Einblicke in seine Strategie.

aerotec-Interviewpartner Takeshi Saito ist Europapräsident von Mori Seiki

Herr Saito, wenn man das gesamte Business von Mori Seiki betrachtet, wie hoch ist der Umsatzanteil mit der Luft- und Raumfahrtindustrie?

Die Luft- und Raumfahrtindustrie macht ungefähr 4 % unseres weltweiten Geschäftes aus. Der größte Markt für uns ist Europa, wo 10% des Umsatzes von Kunden aus der Luft- und Raumfahrtindustrie entsteht. Vielleicht wird sich in diesem Jahr dieser Anteil erhöhen, weil andere Industriezweige zurückgehen. Aber vor allem der Bereich der Luft- und Raumfahrtindustrie ist in den letzen drei Jahren sehr stark gewachsen.

Wie hoch ist Ihr Marktanteil in Europa?

In manchen Ländern sehr gut. In Großbritannien haben wir 10%, in Frankreich auch ungefähr 8-10% und in Spanien 5-6%. Deutschland ist immer noch ein sehr schwieriger Markt für uns, weil es dort viele gute Hersteller gibt – wir haben cirka 3% Marktanteil. Unser gesamter Marktanteil in Europa liegt zwischen 5-6%. D.h. wir können diesen Marktanteil in Zukunft noch weiter ausbauen.

Was sind Ihre Ziele in Europa?

Jedes Land ist unterschiedlich. Da es in Deutschland viele gute Werkzeugmaschinenhersteller gibt, ist der Wettbewerb sehr stark. In Frankreich und Großbritannien gibt es jedoch keine wirklich relevanten Maschinenhersteller in unserem Segment. Natürlich gibt es ein paar kleinere Hersteller, jedoch wird ein Großteil der Maschinen in diese Länder importiert. Folglich liegt unser Ziel in dieser Region bei 10%. Großbritannien und Frankreich liegen momentan schon fast bei 10%. Zukünftig sollten wir den Anteil in diesen beiden Ländern auf 15% erhöhen. In Spanien und Italien gibt es viele Wettbewerber, zwar nicht immer im High-End Sektor, aber wir vergleichen uns dort mit den Besten. Unser Ziel liegt bei 7,5% in diesen Ländern. In Deutschland wollen wir 5% erreichen, momentan liegt der Marktanteil bei ungefähr 2,9 oder 3%. Unser Ziel für die nächsten drei Jahre liegt bei 5%. In Gesamteuropa möchten wir ca. 7 bis 7,5% erreichen.

Wie möchten Sie Ihren Marktanteil und die Verkaufszahlen erhöhen – besonders in Deutschland mit dem starken Wettbewerb? Liegt Ihr Schwerpunkt mehr auf Qualität, höherer Präzision oder auf einer Verbesserung der Kundenbeziehung?

Unsere Maschinen werden aus Japan angeliefert. Dies ist ein großer Nachteil im Vergleich zu europäischen Herstellern. Daher benötigen wir mehr technischen Support für unsere Kunden und langfristig werthaltige Maschinen. Das wichtigste ist die Produktivität unserer Kunden. Wir haben ein Werk in der Schweiz, jedoch sind die dort produzierten Maschinen in einer speziellen Kategorie angesiedelt. Europäische Hersteller haben Werke in Europa, daher sind Ersatzteile sehr leicht zu beschaffen. Unser Ersatzteillager in Stuttgart ist sehr groß und unser Ziel ist innerhalb 24 Stunden ausliefern zu können. Momentan versenden wir 95% aller Teile in ganz Europa innerhalb von 24 Stunden.

Das Wichtigste ist die Produktivität der Kunden. Wir unterstützen die Kunden mit fortschrittlichen Prozessen für die Werkstücke. Das bedeutet mehr Mitarbeit durch das Mori Seiki Engineering für optimale Lösungen für unsere Kunden. Das ist der einzige Weg, um Marktanteile zu sichern und zu erhöhen. Die Firmengröße unserer meisten Kunden liegt meistens zwischen 50 und 100 Mitarbeitern. Wenn wir die Verkaufszahlen erhöhen möchten, benötigen wir auch größere Kunden, um unser Ziel zu erreichen – das wird unsere nächste Aufgabe sein.

Die Zulieferindustrie in der Luftfahrt ist mitten in einer Neustrukturierung. Momentan herrschen hier viele Probleme. Was sind die größten Herausforderungen für Firmen der Zulieferindustrie, die abhängig von der Luft- und Raumfahrtindustrie und der damit verbundenen Erhöhung der Produktion und Kostensenkungen sind?

Ich denke die Luft- und Raumfahrtindustrie handelt nach der gleichen „just in time” Philosophie wie die Automobilindustrie. Die Werke möchten keine großen Lager aufbauen. Das bedeutet, dass die Produktivität der Sub-Zulieferer sehr wichtig ist. Sobald die Maschinen still stehen, können sie nicht fristgerecht liefern. Die Luft- und Raumfahrtindustrie hat jedoch noch sehr große Lagerbestände.

Beim Besuch einer französischen Firma aus dem Bereich der Luftfahrt wurde mir berichtet, dass die “on time” – Lieferung nur bei 30-40% liegt. Daher möchten sie mit den Zulieferern sprechen, um diesen Wert auf 60% zu erhöhen. Kein Vergleich zur Automobilindustrie. In diesem Bereich muß immer die Lieferung „on time” bei 100% liegen. In der Luft- und Raumfahrtindustrie muß deshalb die Produktivität der Zulieferer und die Lieferverpflichtung verbessert werden, das bedeutet, dass sie robuste Maschinen, ständige Serviceunterstützung und Maschinen im Dauerbetrieb benötigen. Das ist die Grundlage für eine erfolgreiche Luft und Raumfahrtindustrie.

Worin besteht der Unterschied zwischen der Luft- und Raumfahrtindustrie und der Automobilindustrie?

Im Automobilbereich steht vor allem die mittlere bis große Serienfertigung von Bauteilen im Vordergrund, in der Luft- und Raumfahrtindustrie jedoch die Bearbeitung von komplexen Bauteilen und zunehmend sehr anspruchsvollen Materialien. In der Automobilindustrie sollte deshalb die Einrichtung der Maschine nicht geändert werden, da in Serie gefertigt wird. In der Luft- und Raumfahrt wird bei komplexen Bauteilen in kleineren Losgrößen gearbeitet, was den Einsatz von Multiachsen- oder komplexeren Maschinen fordert. Wie Sie wissen, haben wir die NT-Serie im Programm, die gut geeignet ist für komplexe Luftfahrtteile wie unter anderem Fahrwerksgestelle und Engine Parts und auch Strukturbauteile. Sie bearbeiten anspruchsvolle Materialien, um sehr komplexe Teile zu produzieren. Außerdem haben wir die neuen vertikalen und horizontalen 5-Achsmaschinen zu bieten. Wir können aber nicht alle Teilgrößen abdecken.

Momentan haben wir horizontale Bearbeitungszentren mit einer Palettengröße von max 1000×1000mm, damit ist dies unser größtes horizontales Bearbeitungszentrum mit 5 Achsen. Mit dem vertikalen Bearbeitungszentrum NMV 8000 DCG wird eine Bearbeitung von Werkstücken bis 1000mm Durchmesser ermöglicht. Auch wenn dies eine Einschränkung bedeutet, können wir den größten Teil der anfallenden Werkstücke bearbeiten. Die Maschinen sind robust, dynamisch, stabil und haben 5Achsen, die die Bearbeitung komplexer Werkstücke in einer Aufspannung ermöglichen. Wir sind sehr erfolgreich damit.

In Toulouse produziert ein Anwender Turbinenteile und hat dabei unser integriertes Fräszentrum der NT Serie im Einsatz. Damit haben sie großen Erfolg, auch wenn sich mit der NT der gesamte Bearbeitungsprozess geändert hat. Ich sprach mit diesem Anwender und wir entwickelten eine speziell abgestimmte Maschine für ihn, mit der er sehr zufrieden ist.

Job Shops sind immer auf der Suche nach ständigen Verbesserungen. Was denken Sie: Um wie viel kann man die Produktivität erhöhen – um 10 oder 20% oder sogar mehr?

Dies ist abhängig vom Material und Produkt. Ich gebe Ihnen ein Kundenbeispiel: Der Kunde produziert ziemlich einfache Teile, aber verwendet Inconel, ein sehr anspruchsvolles Material, das eine lange Bearbeitungszeit benötigt. Wenn jedoch die Maschine sehr robust ist, erhöht sich die Lebensdauer der Werkzeuge. Das ist meiner Ansicht nach der entscheidende Punkt. Auch wenn eine Maschine nicht so stabil ist, kann man mit ihr bearbeiten, allerdings müssen dann die Werkzeuge 2 oder 3mal öfter ausgetauscht werden. Mit unseren Maschinen können sie mit einem Werkzeug länger arbeiten – dies ist sehr wirtschaftlich und die Spindel arbeitet im Dauerbetrieb. Daher erhöhte sich die Produktivität erheblich. Der ursprünglich Gedanke war, die Arbeit an einen Zulieferer abzugeben, aber mit dem Kauf der neuen Maschinen konnte die Produktivität um 30% erhöht und die Bearbeitungszeit verringert werden. Die Bearbeitung wurde daher nicht nach extern vergeben.

Werfen wir abschließend einen Blick auf das Material der neuen Flugzeuge. Carbon ist im Aufschwung – bereitet Ihnen das keine Sorgen? Schließlich bedeutet das, dass die Metallbearbeitung in Zukunft rückgängig sein wird.

Ja, das denke ich auch. Vor allem Airbus und Boeing verwenden bereits Verbundwerkstoffe – aber dennoch benötigen Sie Verbindungsstücke. Wenn bisher Aluminium verwendet wurde, kommen nun mehr und mehr Titan und hochlegierte Werkstoffe zum Einsatz. Das bedeutet, dass vielleicht die Anzahl der Maschinen sinkt, aber dennoch benötigen sie robuste, noch genauere Maschinen. Das ist eines unserer Ziele. Deshalb haben wir neben unserem erweiterten Produktportfolio Dixi Machines in der Schweiz gekauft. Dixi Machines produziert hochpräzise und hochstabile Maschinen.

Unsere Vision ist nicht der Verkauf von billigen Maschinen, nur um die Verkaufszahlen zu erhöhen, sondern wir legen unseren Fokus auf mittelgroße bis große Kunden -­ das ist unser Ziel.

Weitere Beiträge

Russen bauen MS-21 Jet mit MAG-Maschinen
Premium Aerotec ordert Fiber Placement-Maschinen bei MAG
Simrit UK Niederlassung erhält AS9120 Luftfahrt-Zertifizierung
Zulieferer Hyde Group: Entscheidung für HyperWorks
Exklusiv-Interview mit Dr. Hannes Zipse and Phillipp Geiges: Titan lockt Zerspaner


Anzeige