„Wir wollen den Wettbewerb überholen“

Diehl Aerosystems marschiert auf seinem Weg zum Kabinen-Komplettausrüster weiter voran und ist gerade dabei, die Dasell Cabin Interior GmbH in das eigene Portfolio einzureihen. aerotec – Redakteur Christian Klein mit Rainer Ott, langjähriges Mitglied im Diehl-Vorstand und Sprecher des Bereichsvorstands von Diehl Aerosystems, über die weitere Strategie.

Diehl Aerosystems hat sich zum Ziel gesetzt, in Zukunft der Anbieter zu werden, der eine Passagierflugzeugkabine komplett ausrüsten kann. Vor wenigen Wochen nun haben Sie durch den Aufkauf von Dasell Cabin Interior das Portfolio um Waschräume und Toiletten erweitert.

Ist Diehl Aerosystems nun am Ziel?
Mit der Akquisition von Dasell verfügen wir jetzt – zusammen mit den bereits vorhandenen Tätigkeitsfeldern Elektronik und Beleuchtung – über 90% der Kompetenzen die wir brauchen, um gesamtheitlich eine Kabine darzustellen. Und das kann eigentlich keiner der anderen großen Konkurrenten. Wir bewegen uns damit in eine Richtung, welche die beiden großen Flugzeughersteller unterstützen. Die wollen eine Kabine aus einer Hand haben.

Worin bestehen die noch fehlenden zehn Prozent?
In unserem Spektrum fehlen jetzt noch einige Module in der Kabine, so beispielsweise die Galley, also die Bordküche.

Wird es weitere Zukäufe geben?
Schon vor zwei, drei Jahren haben wir eine sehr konkrete Strategie entwickelt zum Thema Kabine, die wir -  ich würde fast sagen generalstabsmäßig – umsetzen. Dazu gehört der Zukauf von Kompetenzen, über die wir nicht ohne weiteres verfügen können. Konkrete Angaben zu weiteren Übernahme-Objekten oder –Zeitpunkten kann ich Ihnen aber nicht machen.

Welche Rolle spielt Airbus beim Erwerb von Dasell?
Airbus war seit einiger Zeit 100% – Eigner von Dasell. Ursprünglich hielt die Royal Bank of Scotland 50% des Unternehmens, die sie aber an Airbus veräußert hat. Weil auch Airbus ein erhebliches Interesse daran hat, einen Kabinenhersteller als Partner zu haben, der über alle Fähigkeiten verfügt und im Grunde genommen wirklich mit einer vollen Kabinenkompetenz antreten kann, kamen wir in Verkaufsverhandlungen und nun auch zum Abschluß.

Diehl Aerosystems hat sich mit seinen Unternehmenseinheiten Diehl Aerospace und Diehl Aircabin mittlerweile als First Tier Supplier in die Riege der führenden Systemanbieter für Avionik- und Kabinenlösungen eingereiht. Wie konkret lassen sich jetzt Synergien im Kabinengeschäft nutzen?
Wir sind ja mit Diehl Aerospace ein reines Avionik-Unternehmen, haben aber auch hier das Thema Beleuchtung mit an Bord. Und eine Kabine  – also der Bereich Diehl Aircabin – braucht natürlich auch Beleuchtung. Also gibt es hier den ersten sehr konkreten Ansatz Kabinen inkl. Beleuchtung auszuliefern. Beleuchtung, die Farben, die Schatten, die geworfen werden, haben natürlich eine erhebliche Auswirkung auf das Design der Kabine oder auch umgekehrt. Aber da wir das alles in einer Hand haben, haben wir natürlich erhebliche Vorteile im Sinne von Kosten – dass eben die Integration der Beleuchtung in die Kabine von vornherein ganz anders geplant werden kann und auch viel kostengünstiger eingesetzt und implementiert werden kann. Und die Beleuchtung ist – das habe ich vor ein paar Jahren auch nicht so richtig geglaubt – ein ganz wichtiger Faktor für die Airlines. Inzwischen sind wir auch Marktführer auf diesem Gebiet.

Aber zu den Synergiepartnern zählen nicht nur die Bereiche Beleuchtung und Kabine, sondern auch die Elektronik. Als Hersteller von Display-Systemen für das Cockpit und Flugsteuerungskomponenten haben wir hier Elektronik-Erfahrung. Und Elektronik ist auch essentiell wichtig für das Funktionieren der Kabine. Wir haben ein zentrales Rechnersystem in der Kabine, das mehrere Kabinenfunktionen steuert. Und so sind wir im Grunde genommen in der Lage, eine Kabine wirklich komplett aufzubauen, also auch elektrisch praktisch so auszustatten, dass auf Knopfdruck eine Kabine am Ende abgenommen werden kann mit allen Elektronikfunktionen. Im Wettbewerbsumfeld finden sich bisher entweder nur Kabinenunternehmen oder nur Elektronikunternehmen. Wir wollen die Elektronik in der Kabine eben zu einem `Gesamtsystem Kabine´ ausbauen.

Mit welchen konkreten Zielsetzungen mit Blick auf die Wettbewerbsposition bzw. die Umsatzplanung ist ihre Strategie verknüpft?
Wir haben die Absicht, nicht nur zu unseren Wettbewerbern aufzuschließen, sondern sie auch zu überholen. Wir sind zur Zeit mit Aircabin eigentlich nur mit Airbus im Geschäft und haben auch sehr hohe Marktanteile bei Airbus. Das Ziel ist natürlich, auch Boeing zu gewinnen als anderen großen Luftfahrzeughersteller. Hier bestehen bereits sehr gute Beziehungen aus dem Aerospace-Geschäft heraus. Und wir nutzen natürlich auch das Kabinengeschäft, um Aufträge von Boeing zu gewinnen.

Das setzt zwar voraus, dass neue Flugzeugprogramme aufgesetzt werden. Boeing zeigt aber jetzt schon Interesse an einzelnen Komponenten, die sie austauschen wollen. Und Boeing weiß, daß wir bei Airbus gute Kabinen geliefert haben – und die gelten wirklich als Mercedes unter den Kabinen. Und dann kann das auch für Boeing eine gute Kabine sein. Wir sind also in Gesprächen und Verhandlungen. Das sieht recht ordentlich aus.

Es kommen ja auch sehr vitale Signale aus Märkten wie Russland oder China. Gibt es da auch schon Projekte wo Sie mit in Verhandlungen stehen oder mit an Ausschreibungen beteiligt sind? 
Ja, da gibt es Projekte. In Russland haben wir uns zurückgehalten, weil wir nicht unbedingt zu denen gehören, die die russischen Projekte als wirtschaftlich erfolgreich betrachten. Da haben wir auch in der Vergangenheit ja schon die Fühler ausgestreckt, uns aber gehörig die Finger verbrannt. Weil einfach die Finanzierungen nicht sichergestellt waren. Aber schauen wir nach China und Indien: In Indien gibt es ja mindestens zwei Flugzeugprojekte, wo wir auch sehr eng dran sind. Da gab es gerade zuletzt eine aktuelle Messe in Hyderabad, wo wir mit indischen Unternehmen sehr viel Kontakt hatten und da mit Sicherheit auch bei den indischen Flugzeugprogrammen dabei sein werden.

Es gibt natürlich in China dann das bekannte COMAC C919-Programm. Auch hier werden wir als Anbieter dabei sein wollen – sowohl mit Avionik-Systemen wie auch mit Kabine. Ich bin mir sicher, daß wir da gute Karten haben. Diehl Aircabin hat in China ja schon eine kleine Einheit positioniert, die am Standort der A320-Montage – in Tjangjing – Airbus unterstützen. China ist ein Markt, den wir mit aller Kraft angehen werden.

Sie werden Anfang Oktober 2010 den Führungsstab übergeben an Rainer von Borstel. Was schreiben Sie ihm gewissermaßen ins Pflichtenheft?
Rainer von Borstel war lange Jahre – von 1985 bis 2008 – bei Airbus in leitenden Positionen mit den Schwerpunkten Kabine, Frachträume sowie dazugehörige Systeme tätig; zuletzt verantwortete er das Luftfahrtgeschäft von EDAG. Herr von Borstel ist seit 1. April 2010 Mitglied des Vorstands von Diehl Aerosystems und wird die Verantwortung für die Unternehmensführung Anfang Oktober übernehmen. Er hat ja bei Airbus das Thema Kabine sehr intensiv betrieben und ist für uns eine gehörige Verstärkung gerade auch zu einem Zeitpunkt wo es darum geht, Synergien aus den Kabinenaktivitäten zu schöpfen und die weitere Integration voranzutreiben. Nach der geleisteten Vorarbeit wird es seine Aufgabe sein, in den nächsten Jahren das Ganze dann auch zum gesicherten wirtschaftlichen Erfolg zu bringen. Wir haben diesen Erfolg in den Zahlen festgeschrieben und er muss es in den nächsten zwei, drei Jahren umsetzen. Ich bin sicher, dass es ihm gelingen wird, denn er bringt wie kein anderer die besten Voraussetzungen hierfür mit.

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