Abwerfen und Anheizen
Schrecksekunde auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA 2008 in Berlin-Schönefeld:
Kaum hatte die von Flieger-Ass Toni Eichhorn in bewährt bravouröser Manier durch die Turns und Loops geheizte Messerschmitt 109 („Schwarze Zwei”) auf der Landebahn aufgesetzt, knickte das rechte Fahrwerksbein ein und das historische Jagdflugzeug zirkelte nach dem ersten Vorführungsflug am ersten Messetag mit einer Rechtsdrehung in die sandige Wiese. Staubwolke, Pilot heil, Flieger hinüber, Ende der Vorstellung.
Ein Bild nicht ohne Symbolik. Denn auch in der Luftfahrtindustrie droht noch manchem in konservativen Strukturen verhafteten Unternehmen die Bruchlandung am Markt. Allein die Bewältigung der Rahmenbedingungen erfordert höchste Konzentration: Die nachhaltige Wucht der Finanzmarktkrise und starke Wechselkursprobleme behindern notwendige Restrukturierungen, Expansionspläne sowie Investitionen insbesondere im europäischen Flugzeugbau. Durch den Klimawandel und explodierende Treibstoffkosten sehen manche Experten gar die Zukunft der gesamten Verkehrsfliegerei bedroht. Schließlich streichen Airlines bereits Destinationen, gehen Pleite, stornieren Flugzeugbestellungen. Die Branche jedenfalls ist in teilweise hektischer Bewegung. Schlanke Produktion und effiziente Strukturen gelten als das Gebot der Stunde, um die Turbulenzen der Märkte parieren zu können. Da hilft oft nur, aus der Not eine Tugend zu machen. Win-Win-Situationen sind durchaus möglich.
Die eine Fraktion hält sich etwa an die Regel der Gasballonfahrer. Getreu deren Motto „wer steigen will, muß Ballast abwerfen” trennt man sich von (neu definierten) Randaktivitäten. So steht Airbus mit Diehl und Thales bei Redaktionsschluss dieser aerotec-Ausgabe über deren Joint-Venture Diehl Aerospace in den Endverhandlungen über das Werk Laupheim. Und Honeywell International verkaufte soeben seine Sparte Consumable Solutions (Dichtungen, Verschlusssyteme und elektronische Bauteile) für 1.05 Mrd USD an den Passagierflugzeug-Ausrüstungsmulti B/E Aerospace. Die Aufkäufer hingegen erinnern sich an den Spruch der Heißluftballonfahrer: „Wer steigen will, muß den Brenner anheizen.” Und Anheizen wollen (und können) sie beide: Durch die Übernahme der Honeywell-Sparte erwartet sich B/E Aerospace, Spezialist für Innenausstattungen von Flugzeugen mit Schwerpunkt im Ersatzgeschäft, Synergien von mindestens 84 Mio USD jährlich ab 2011. Diehl Aerospace wiederum könnte mit der Integration von Airbus Laupheim seine Kabinenaktivitäten weiter ausbauen und zu einem der international führenden Anbieter im Bereich Flugzeugkabine werden.

Die Branche restrukturiert nicht nur ihre Portfolios, sondern treibt dabei insbesondere das Outsourcing von Fertigungs- und Montagearbeiten weiter voran. Liegt die Wertschöpfung der Flugzeughersteller aktuell noch bei über 70%, so wird sie bis zum Jahr 2015 teilweise auf unter 50% sinken. Auf diesen Trend jedenfalls weisen erste Ergebnisse einer Studie zu Entwicklungen der deutschen Luftfahrt-Zulieferindustrie hin, die aerotec derzeit zusammen mit Lischke Consulting und der TU Hamburg-Harburg durchführt. Aus den Ergebnissen sollen konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Machen auch Sie mit - Bruchlandungen sind vermeidbar.

Christian Klein
Redaktion aerotec

