Die Krise meistern

Die Luftfahrtindustrie steht derzeit vor schwierigen Herausforderungen. Experten rechnen deshalb für die nächsten zwei Jahre mit harten Zeiten für die Branche. Noch sind die Auftragsbücher der großen OEM zwar gut gefüllt. Bei Flugzeugneubestellungen aber ist seit Anfang 2009 ein dramatischer Rückgang zu verzeichnen, der 2010/11 sowohl den Herstellern als auch ihren Zulieferern zu schaffen machen wird. Zu den aktuell drängendsten Problemen in der Branche gehören der verschärfte Zugang zu Kapital, Verzögerungen beim Cashflow angesichts zeitlicher Verschiebungen bei laufenden Programmen sowie der steigende Kostendruck. Inzwischen ist die Finanz- und Wirtschaftskrise auch in der Luftfahrtbranche angekommen. Zunächst erfasste sie Fluggesellschaften und Flugzeugbauer. Nun bekommen sie vor allem jene Zulieferer zu spüren, die keine langfristigen Lieferverträge mit ihren Kunden abgeschlossen haben. Für auf den Binnenmarkt konzentrierte kleine und mittelständische Zulieferer sowie für große internationale OEM ist die Lage derzeit besonders prekär, was sie zu deutlichen Anpassungen zwingt.

Die Reaktion der betroffenen Unternehmen auf die Krise und die zentralen, im Umgang mit dieser außergewöhnlich schwierigen Situation erforderlichen Fähigkeiten hat Roland Berger Strategy Consultants in einer Umfrage ermittelt. Teilgenommen haben hieran mehr als 100 Vorstände und Führungskräfte von 40 Luftfahrt- und Verteidigungsunternehmen in Europa.

Verglichen mit der Umfrage vom letzten Jahr treten die Folgen der Krise inzwischen deutlich zutage, und die Unternehmen haben ihre Pläne der schwierigen Lage angepasst. Ganz oben auf ihrer Prioritätenliste stehen zwar immer noch neben dem Programmmanagement Themen wie Marktstrategie und Globalisierung. Zu den Top-Prioritäten gesellen sich inzwischen aber auch Flexibilität, Marketing und Vertrieb hinzu.

Flexibilität gilt als einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren in der Branche, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuell hohen Unsicherheiten verbunden mit Produktionskürzungen, schwankenden Wechselkursen und Rohstoffpreisen, um nur einige wenige zu nennen. Angesichts zunehmender Auftragsverschiebungen und -stornierungen dürfte sich die Aufmerksamkeit nun verstärkt auf den Bereich Marketing & Vertrieb richten.

Eine der Hauptsorgen der Unternehmen gilt zurzeit den Auswirkungen der Krise auf ihre Umsatzentwicklung: Fast die Hälfte der Befragten klagt über deutliche Einbrüche beim Auftragseingang verglichen mit dem Vorjahr. Entsprechend haben viele eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Performance zu steigern, die Kosten zu senken und das Cash- und Liquiditätsmanagement zu optimieren.

Ziel dieser Maßnahmen ist es, den Firmen im Falle einer Markterholung einen Kostenvorteil zu verschaffen. Den aber sehen die Unternehmen durchaus nicht als wichtigsten Erfolgsfaktor. Als Schlüsselkompetenz in der Krise sowie in der anschließenden Phase der Erholung betrachten sie vielmehr Flexibilität in der Herstellung und der Lieferkette. So wollen sie sicherstellen, dass sie dem Wettbewerb im Aufschwung eine Nasenlänge voraus sind.

Die jüngste Umfrage unter Unternehmenslenkern bestätigt, dass die Branchenteilnehmer angemessen auf die veränderte Konjunkturlage reagieren und die damit verbundenen Unsicherheiten meistern. Ihre Antworten auf die Notwendigkeit höherer Flexibilität:

a) Notwendige Änderungen frühzeitig erkennen
Erfolgreiche Unternehmen zeichnen sich durch angemessene Planungs- und Szenarioanalysen und eine regelmäßige Überprüfung ihres Risikoprofils aus. “In der Ausgestaltung ihres praxisorientierten Planungssystems unterscheiden sich erstklassige von durchschnittlichen Unternehmen. Erfolgreiche Firmen verfügen über Frühwarnsysteme basierend auf makroökonomischen und unternehmensspezifischen Indikatoren. Zudem nehmen sie systematisch ihre Wettbewerber unter die Lupe. Die besten unter ihnen schließen ihre Konkurrenten in ihre Szenarioplanung mit ein. Schon frühzeitig spüren sie so attraktive Akquisitionschancen auf. Außerdem können sie auf diese Weise Vertriebschancen für Geschäftsfelder erkennen, die in besonderem Maße der Gefahr von Zufallsschwankungen im Aufschwung ausgesetzt sind”, erläutert Manfred Hader, Partner im Kompetenzzentrum Engineered Products/High Tech und Luftfahrtexperte von Roland Berger.

b) Schnell handeln
Zeigen die Modelle und Szenarios einen Abschwung am Markt an, sollten Unternehmen ihre Flexibilität erhöhen und sich auf Produktionskürzungen einstellen. Tritt der schlimmste Fall ein, müssen sie schnell handeln können. Nahezu alle Unternehmen schätzen strategische und finanzielle Hebel als besonders wichtig ein. Zu den weithin beliebten Strategien gehört die Konzentration auf Kernkompetenzen. Unternehmen, die diese Strategie erfolgreich umsetzen, ist es gelungen, ihre Kostenstruktur so flexibel zu gestalten, dass sie ihre Kapazitäten bei Bedarf rasch anpassen können.

c) Antizyklische Maßnahmen ergreifen
Unternehmen übersehen häufig gute Gelegenheiten, Teile des Unternehmens auf dem Höhepunkt des Aufschwungs zu verkaufen. Auch beim Schmieden von Partnerschaften oder Allianzen, dank derer sie die Risiken mit ihren Zulieferern teilen könnten, versagen sie und lassen die Chance ungenutzt, Wettbewerber zu übernehmen, wenn der Boom nachlässt. “Nur die besten Unternehmen sehen in der Krise eine Chance. Sie handeln antizyklisch – und damit schneller als der Wettbewerb. So verbessern sie nicht nur ihre Markt-, sondern auch ihre Risikoposition”, erläutert Jörg Wahler, Principal und Luftfahrtexperte bei Roland Berger.

d) Die Kostenbasis flexibilisieren
Nur wenigen Unternehmen gelingt es, dauerhaft für eine flexible Kostenbasis zu sorgen. “Teil des Problems in der Luftfahrt- und Verteidigungsbranche sind die umfangreichen Investitionen, an denen man in diesem Industriezweig nicht vorbeikommt. Das zwingt die Branchenteilnehmer dazu, ständig auf die Kostenbremse zu treten. Gleichzeitig ist ihre Wertschöpfungskette hochgradig unflexibel”, erklärt Hader. Erfolgreiche Unternehmen optimieren daher ihre Risikoposition durch ganz gezielte Maßnahmen. Hierzu gehören Outsourcing, Partnerschaften und Franchise-Verträge. Durch den Aufbau flexibler Produktionsnetze und festes Einbinden von Partnern in die Wertschöpfungskette gelingt es erfolgreichen Unternehmen, bei schwankender Kapazitätsauslastung die Kosten zu senken.

Manfed Hader, Jörg Wahler (Roland Berger)

Weitere Beiträge

Lufthansa hält trotz Krise an Bestellungen fest
Triebwerksmarkt: Kommerzieller Flugzeugbau treibt an
MTU Aero Engines will Anteil am IAE-Konsortium erhöhen
Keine Verschluss-Sache
Triebwerkshersteller vor Neuformation


Anzeige