Embraer lockt Engineering-Dienstleister
Die Restrukturierung der Fertigungsprozesse im internationalen Flugzeugbau macht auch vor dem brasilianischen Vorzeigeunternehmen Embraer nicht halt.
Der weltweit drittgrößte Flugzeughersteller reduziert die Zahl seiner direkten Zulieferer drastisch, um, wie es heißt „Know-how zu sichern“. Wer weiterhin mit Embraer Geschäft machen will, muss sich als Engineering-Dienstleister qualifizieren.
Der Aufstieg von Embraer (= Empresa Brasileira de Aeronautica – was soviel heißt wie: Brasilianisches Unternehmen für Luftfahrt) hat wesentlich zur Entwicklung des Standortes São José dos Campos beigetragen. Rund um Embraer hat sich ein Großteil zumindest der heimischen Zulieferindustrie niedergelassen. Allerdings gehört es für Embraer zum Selbstverständnis, sich weltweit der erprobten Technologien zu bedienen. Auf der Liste der Firmen, die am neuen Business-Jet „Phenom“ beteiligt sind, steht mit der BMW Group Designworks auch ein Hersteller mit zumindest einer deutschen Mutter.
Die brasilianische Regierung ist darum bemüht, neben dem zum „Brazilian Aerospace Cluster“ gehörenden 40 Unternehmen, weitere Zulieferer in São José dos Campos anzusiedeln. Dabei stehen vor allem ausländische Unternehmen hoch im Kurs. Bislang haben die französische Latecoere, die spanische Aernnova sowie die belgische Sonaca Group Niederlassungen gegründet.
In die Zuliefererlandschaft der brasilianischen Luftfahrt-Industrie in letzter Zeit Bewegung gekommen. Bedingt durch einen Auftragsrückgang, mit dem Embraer in direkter Auswirkung der weltweiten Wirtschaftskrise zu kämpfen hatte (2009 wurden 4.300 Mitarbeiter ausgerechnet während des in Brasilien schon fast heiligen Karnevals entlassen) musste die BNDES (Banco Nacional de Desenvolvimento – die brasilianische Entwicklungsbank) zahlreiche Zulieferer unterstützen. Insgesamt 100 Millionen Reais (etwa 40 Millionen Euro) wurden zur Verfügung gestellt, um „die Planungen für 2010 nicht zu gefährden“.
Weiteres Ungemach droht den Zulieferern von Embraer jetzt von Seiten ihres wichtigsten Kunden. Im Gegensatz zu den anderen großen der Branche, will Embraer-Chef Fred Curado mittelfristig die Zahl der Zulieferer reduzieren. Lieferten bei den Produkten der ERJ145-Familie beispielsweise noch über 300 Unternehmen ihren Beitrag zur Wertschöpfung, so hat sich deren Zahl bei den E-Modellen bereits auf 22 reduziert.
Neben den Zulieferern stützt sich Embraer auch auf Partner, die sich dadurch auszeichnen einen Teil der Entwicklungsarbeit und damit auch des Risikos zu übernehmen (eine Vorgehensweise, die wiederum von Airbus auch bekannt ist). Deren Zahl ist denn auch von vier bei den ERJs auf 16 bei den Produkten der E-Serie gestiegen.
Aus Zulieferersicht dramatisch ist die Entwicklung allerdings bei den neuen Kleinflugzeugen für Geschäftsreisende der „Phenom“-Serie. Hier gibt es nahezu keine Fremdfirmen mehr im Produktionsprozess (lediglich einige Partner, ihrerseits Produzenten von Standardkomponenten wie Triebwerken oder Mess-Instrumenten, sind beteiligt). Ein Umstand, der seitens Embraer lapidar mit dem Willen zu „Produktionsvereinfachung und Know-how-Sicherung“ begründet wird.
Für die potenziellen Zulieferer bedauerlich, weil den Regional- und Dienstreise-Jets von Embraer weiterhin gute Chancen auf dem Weltmarkt eingeräumt werden. In Lateinamerika sind beispielsweise derzeit mehr als 600 Maschinen im Einsatz, was einem Marktanteil von 21 Prozent entspricht. Außerdem ist Embraer der zweitgrößte Exporteur Brasiliens (übertroffen nur vom Mineralienkonzern Vale), das vehement gegen seine geringe Exportquote (nur 14 Prozent vom BIP) ankämpft. Entsprechend wichtig ist die Sparte der Luft- und Raumfahrtindustrie für die Regierung.
Insgesamt in diesem Segment (inklusive Embraer) 27.100 Mitarbeiter beschäftig, die 2008 laut AIAB (Associação das Indústrias Aeroespeciais do Brasil, der Interessenvertretung der in der Luftfahrttechnologie beschäftigten Unternehmen) einen Umsatz von 7,5 Milliarden Dollar (wovon etwa die Hälfte auf Embraer entfiel), erwirtschaftete, was ca. 2 Prozent des Brutto-Inlandsproduktes Brasiliens entspricht. Der Großteil dieses Betrages – 6,7 Milliarden Dollar – wurde über Exportgeschäfte abgewickelt. Die AIAB geht intern davon aus, dass etwa 4.000 Mitarbeiter von Firmen beschäftigt werden, die nicht Mitglied in der Interessenvertretung sind.
Neben Embraer gibt es in Brasilien weitere Fluggerät-Hersteller, die allerdings in Europa weniger bekannt sein dürften. Am ehesten wird man noch Helibras kennen, einen Hubschrauber-Hersteller, der zur Eurocopter-Unternehmensgruppe gehört und in Brasilien unangefochtener Marktführer ist. Die Geschäfte laufen blendend, vor allem auch, weil São Paulo inzwischen die Stadt mit der größten Helikopter-Dichte auf der Welt ist (etwa 1.000 Maschinen pendeln zwischen gut 300 Heliports).
Im Bundesstaat Minas Gerais beheimatet ist die FABE – Fábrica Brasilieira de Aeronaves, die auf Agrarflugzeuge spezialisiert ist. Bei den gewaltigen Anbauflächen im größten Land Südamerikas (flächenmäßig 24 mal so groß wie Deutschland) ist die Düngung zumeist nur aus der Luft möglich. Die im Bundesstaat Tocantins ansässige IBRAEX – Indústria Brasileira de Aeronaves Experimental, stellt einmotorige Sportflugzeuge her, die nur auf dem heimischen Markt verkauft werden. -Martin Igler-
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