Exklusiv-Interview mit Dr. Hannes Zipse and Phillipp Geiges: Titan lockt Zerspaner

Der Flugzeugbau setzt auf den Werkstoff Titan: Erst kürzlich unterzeichneten Airbus/EADS einen Vertrag über Titanlieferungen mit VSMPO-AVISMA, einem integrierten Unternehmen der Russian Technologies State Corporation bis einschließlich 2020. Die Bearbeitung von Titan fordert Werkzeugmaschinenhersteller technologisch heraus und öffnet für manchen gleichzeitig die Tür in einen neuen Absatzmarkt. So auch für das Nürtinger Unternehmen Heller. aerotec-Mitarbeiter Manfred Lerch sprach mit Vertriebsleiter Hannes Zipse und Vertriebsingenieur Philipp Geiges über Fortschritte auf diesem Weg.

Herr Dr. Zipse, das Unternehmen Heller bringt man bisher hauptsächlich mit der Automobilindustrie und dort mit dem Thema Prozessoptimierung in Verbindung. Wollen Sie mit Ihrem aktuellen Engagement im Bereich Aerospace nun ähnliches bewirken?
Zipse:
Zunächst ist es nicht so, dass wir erst jetzt beginnen, uns mit Aerospace zu beschäftigen. Heller hat bereits seit über 10 Jahren eine kontinuierliche Steigerung im Non-Automotive Bereich. Dazu zählt unter anderem auch die Fokussierung auf die Luftfahrtbranche. Das wurde nur bislang in der Fachöffentlichkeit nicht so wahrgenommen. Unabhängig davon, haben wir Maschinen und Technologie für die Aerospace-Anforderungen. Unsere Erfahrung hat allerdings gezeigt, dass die Prozesskompetenz in der Luftfahrt bei den Anwendern sitzt. Deshalb haben wir uns die Frage gestellt, wo wir unsere Kompetenzen einbringen können. Und diese liegen vorrangig in der Titanbearbeitung. Dieser Werkstoff wird zunehmend in der Luftfahrt eingesetzt, und hier war Heller hinsichtlich Maschinen- und Prozesstechnologie von Anfang an vorne mit dabei.

Sie sprechen von Erfahrungen mit der Luftfahrt. In wie weit ist Heller hier schon aktiv?
Zipse:
Wir haben hier bereits in konkreten Projekten gemeinsam mit Anwendern bewiesen, wie massiv Zeit und Kosten eingespart werden können. Ganz aktuell sind wir in Kontakt mit den Zerspanungsspezialisten von Airbus. Konkret geht es dabei um die Schlichtbearbeitung von Titan. Außerdem diskutieren wir ständig in Forschungsteams beispielsweise mit der Universität Hamburg – wo auch eine unserer Maschinen zu Versuchzwecken steht – und den Aerospace-Verantwortlichen. Das Ergebnis zeigt, dass unsere Maschinen den Prozessanforderungen gerecht werden.

Gibt es hierfür konkrete Beispiele?
Geiges:
Im Gegensatz zur Automobilindustrie wird die Produktivität in der Luftfahrtindustrie anders definiert. Statt sehr hohen Stückzahlen zählen hier Dynamik und Zerspanvolumen bei hoher Flexibilität. Mit unserer fünfachsigen MCH-C-Baureihe ist uns dieser Spagat sehr gut gelungen. Die 5. Achse befindet sich dabei in einer eigens entwickelten und gefertigten Schwenkkopfeinheit. Mit dieser Baureihe erzielen wir bei gleichbleibend hoher Prozessstabilität horizontal, vertikal und in jedem Raumwinkel immer die gleiche Zerspanleistung. Aus dieser Betrachtung heraus ist die MCH-C mit SK50/HSK100-Aufnahme und bis zu 1.000 Nm Drehmoment hervorragend für die Titanbearbeitung geeignet.

Sie betonen den Stellenwert der Produktivität. Wie verbindet Heller die Produktivität mit der angesprochenen Flexibilität der MCH-C-Baureihe?
Geiges:
Die Luftfahrtbranche fordert zunehmend Automatisierungslösungen. Hier bietet sich die Palettenautomation geradezu an. Durch die vorhandenen langen Laufzeiten lässt sich ein hauptzeitparalleles Rüsten der Maschinenpaletten für mannlose Schichten sehr gut realisieren. Mit der MCH-C-Baureihe können wir ausgezeichnete Lösungen und Referenzen vorweisen. Wir sind in der Werkstückträger-Automation traditionell stark und erfahren, denn höhere Produktivität dank mannloser Schichten bei hoher Teilevarianz werden im Maschinenbau seit einigen Jahren gefordert.

Aus technischer Sicht ist das Unternehmen Heller offenbar gut für den Bereich Aerospace gerüstet. Wie aber sieht das Gesamtpaket aus?
Zipse:
Unser Vorteil liegt ganz klar darin, dass wir nicht Sondermaschinen, sondern modulare Standards anbieten. Das wiederum bedeutet, dass wir eine hohe Verfügbarkeit hinsichtlich Maschinentechnik und Service garantieren können. Wir sprechen durch unseren dezentralen Service über sehr kurze Reaktionszeiten. Weiterhin können wir durch unsere starke Eigenentwicklung und hohe Fertigungstiefe, angefangen von der Steuerungsentwicklung bis hin zur eigenen Spindelfertigung, auf individuelle Branchenforderungen eingehen. So wird man mit uns zukünftig auch als Partner für die Aluminiumbearbeitung mit einem entsprechenden Spindelkonzept rechnen können.

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