Exklusivinterview mit Ontarios Ministerin Sandra Pupatello – Transfer ist Trumpf

Innovationskraft und die ausgeprägte Fähigkeit, schnell auf neue Herausforderungen zu reagieren, gehören zu den zentralen Stärken der Luft- und Raumfahrtindustrie im kanadischen Ontario. aerotec-Redakteur Christian Klein sprach mit Sandra Pupatello, Ontarios Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung und Handel der Provinz Ontario, über Wirtschaftsförderungsmaßnahmen und aufkeimenden Technologietransfer.

Wie geht die Luft- und Raumfahrtindustrie mit der Krise um?
In Ontario haben etwa 350 Luft- und Raumfahrtunternehmen mit 23.000 Mitarbeitern ihren Sitz. Vom großen Flugzeughersteller Bombardier abgesehen, handelt es sich bei den meisten unserer Firmen um Tier-1-, Tier-2- und Tier-3-Zulieferer. Weltweit beliefern diese Tier-1-Unternehmen und globale Flugzeugbauer wie Embraer, EADS und Boeing. Infolgedessen werden mehr als 80 Prozent von Ontarios Luft- und Raumfahrtprodukten in die ganze Welt exportiert. Die Herausforderung für die Luft- und Raumfahrtunternehmen besteht heute darin, kosten- und kraftstoffeffizienter zu arbeiten und gleichzeitig die Sicherheit in allen Bereichen zu gewährleisten. Sie sind daher auf ein hohes Maß an Technologie in der gesamten Lieferkette angewiesen – und genau das ist die wirklich unübertroffene Stärke von Ontario.

Je leichter das Material, umso geringer ist der Kraftstoffverbrauch des Flugzeugs. Daher untersuchen Ingenieure, welche Teile des Fahrwerks aus Verbundstrukturen hergestellt werden können. Simulationstests zeigen, wie viel Hitze und Druck diese Teile standhalten. Weltweit ist Goodrich, mit Sitz in Ontario, die größte Testeinrichtung für Fahrwerke. Die Provinz liefert etwa 70 Prozent der weltweiten Fahrwerke: Wenn Sie mit einem Flugzeug abheben oder landen, denken Sie also an Ontario.

Die großen Unternehmen schätzen unsere Forschungsarbeit, weil wir ihnen Lösungen bieten, auf die schwankenden Kraftstoffpreise zu reagieren. Auch in den Bereichen Sicherheit und Kommunikationssysteme ist Ontario führend. Wir haben ein sehr großes IT-, Kommunikations- und Technologiecluster in Ontario – das drittgrößte in Nordamerika – und verfügen dadurch in unserer Arbeitnehmerschaft über genau die Kompetenzen und innovative Denkweisen, die für Kommunikationssysteme der Luft- und Raumfahrt erforderlich sind. Unsere Unternehmen schöpfen aus dieser Innovations¬kraft und bieten folglich alles – von Sicherheitssystemen bis hin zu klassischen Kommunikationssystemen wie Sensoren. Wir haben in Ontario beispielsweise ein Unternehmen, das eine Sensor-Technologie für den Weltraum entwickelt hat, die jetzt auf der Erde zum Einsatz kommt. Sie wird Piloten in die Lage versetzen, durch Sand- und Schneestürme zu navigieren. Weil in Ontario die entsprechenden Kompetenzen vorhanden sind, ist diese gegenseitige Befruchtung so erfolgreich.

Die Luft- und Raumfahrtzulieferer werden zunehmend in die Entwicklungsprozesse eingebunden. Wie können sie bei der Bewältigung dieser Herausforderungen Unterstützung bekommen?
F&E wird in der Lieferkette immer weiter nach unten verlagert. Das heißt, dass es unsere Aufgabe als Regierung ist, unseren Unternehmen bei der Produktentwicklung zu helfen. Hierbei spielen die Vorteile der in Ontario praktizierten F&E-Steuergutschrift eine wichtige Rolle. Wenn man in Ontario 100 kanadische Dollar für Forschung und Entwicklung ausgibt, profitiert man von einer Erstattung von bis zu 60 kanadischen Dollar. Dies ist eine der höchsten F&E-Steuergutschriften in Nordamerika. Die Leute sagen daher: „In Ontario ist mehr möglich” und suchen bei uns nach Partnern, mit denen sie im Bereich F&E zusammenarbeiten. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Regierung von Ontario mit der Industrie kooperiert, um den ganzen Sektor voranzubringen.

Was tun die Unternehmen, um angesichts der globalen Krise neue Märkte abzustecken?
Plattformen wie die Pariser Luftfahrtmesse sind sehr wichtig. Dieses Jahr waren 26 Unternehmen aus Ontario als Aussteller vertreten. Weitere Unternehmen suchten auf der Messe den Kontakt zu potenziellen Kunden. Jetzt, da sie verstehen, was die Kunden brauchen, ist es viel einfacher, auf diese zuzugehen und ihnen Lösungen anzubieten. Und die Unternehmen beginnen sich klar zu werden, wie gut sie in diesen Nischenbereichen und in der proaktiven Unterbreitung von Lösungen sind.

Wir haben in Ontario einige Programme, mit denen wir unseren eigenen Unternehmen ebenso unter die Arme greifen wie externen Unternehmen, die nach Ontario kommen, um hier zu investieren. Eines davon ist das Förderprogramm „Advanced Manufacturing Investment Strategy” (AMIS). Wenn ein Unternehmen eine Investition tätigt, ist die Regierung bereit, ihm mit einem Darlehen über 30 Prozent der gesamten Investitionssumme zu helfen. Zudem haben wir noch ein weiteres Förderprogramm, das Unternehmen bezuschusst, den sogenannten „Next Generation of Jobs Fund”. Einige unserer Unternehmen haben mit diesen Geldern bereits erfolgreich in ihren Betrieb und Innovationen investiert.

Stellen Sie im Gespräch mit diesen Unternehmen fest, dass diese versuchen, Technologien aus der Automobilindustrie auf die Luft- und Raumfahrt oder vielleicht auf die Medizintechnik zu übertragen?
Ja, in manchen Fällen. Nehmen Sie zum Beispiel MDA, eines der besten Luft- und Raumfahrtunternehmen in Ontario, das die so genannte Dexter-Technologie entwickelt hat. Dexter bezeichnet einen äußerst geschickten Roboterarm, der zu Bewegungen von beispielloser Präzision fähig ist. MDA hat diese Weltraumtechnologie nun unter anderem auf robotergestützte Hirnoperationen übertragen. Die Technologie kommt in höchst komplizierten medizinischen Situationen zum Einsatz und ist dank der herausragenden Präzision sogar für mikroskopische Anwendungen geeignet. Ein anderes Beispiel, der Kamerasensor, den ich eben schon erwähnt habe, wird nun auch in der Filmproduktion in Hollywood eingesetzt. Die Leute sind sich kaum bewusst, wie viele Entwicklungen aus der Luft- und Raumfahrt in andere Teile unseres Lebens Eingang finden.

Was kann die Luft- und Raumfahrtindustrie von der Automobilindustrie lernen?
Ich glaube, das Beste, was Automobilunternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie beibringen können, ist die Methodik des Herstellungsprozesses. Denn die derzeitigen Veränderungen in der Lieferkette der Luft- und Raumfahrt bedeuten, dass die Konkurrenzfähigkeit und damit die Herstellungsprozesse genauso so wichtig sind wie das hergestellte Produkt an sich. Ich bin daher davon überzeugt, dass es für unsere Unternehmen in Ontario von Vorteil sein wird, wenn sie sich dieselbe schlanke Fertigung zunutze machen, die in der Automobilindustrie schon seit vielen Jahren üblich ist. In der Luft- und Raumfahrtindustrie ist das im Allgemeinen bisher noch nicht der Fall. Und wenn unsere Automobilexperten die Produktionshallen der Luft- und Raumfahrtfabriken betreten, können sie sehen, wie sie die Prozesse verbessern und somit die Konkurrenzfähigkeit unserer Unternehmen verbessern können.

Ich stimme Ihnen zu, aber der Prozess kann nicht eins zu eins übernommen werden…

Richtig, er unterscheidet sich im Hinblick auf die Volumina. Aber der Fertigungsprozess an sich ist anwendbar. Ich gehe daher davon aus, dass wir bei unseren Herstellungsprozessen immer besser werden, denn wir haben in Ontario ein hohes Maß an Kompetenz im Fertigungsbereich. Die Herstellung macht 20 Prozent unseres BIP aus, unsere Hochschulen in Ontario bringen jedes Jahr etwa 9.000 Techniker und Ingenieure hervor. Wenn Unternehmer heute in Ontario investieren – normalerweise eine Investition für viele Jahrzehnte – dann garantiert ihnen unser Bildungssystem, dass sie selbst in 15 Jahren noch die qualifiziertesten Mitarbeiter beschäftigen werden. Wir haben in Ontario enorme Summen in die Bildung investiert, sodass wir dies mit Sicherheit sagen können. Nehmen Sie zum Beispiel die Tatsache, dass Microsoft jedes Jahr an eine unserer Hochschulen kommt und alle Techniker übernehmen möchte, die dort gerade ihren Abschluss machen. Die besten Unternehmen sehen sich unsere Ingenieure und Techniker an und finden genau die Art von Denkern, die sie brauchen. Insgesamt haben 58 Prozent der Arbeitnehmer in Ontario eine Hochschulausbildung. Das ist der höchste Bildungsgrad in allen OECD-Ländern. Und gerade in der Luft- und Raumfahrtindustrie sind qualifizierte Mitarbeiter das A und O für die Herstellung eines herausragenden Produkts. (siehe auch www.aerotec-online.com)

Sandra Pupatello: „Aufgrund der andauernden Veränderungen in der Lieferkette der Luft- und Raumfahrtindustrie sind Konkurrenzfähigkeit – und damit die Herstellungsprozesse – genauso wichtig wie die hergestellten Produkte.”

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