Keine Minute zu verschenken

„Gäbe es die letzte Minute nicht, so würde niemals etwas fertig” befand einst Mark Twain. Ich gebe  zu, dieser Spruch des US-amerikanischen Schriftstellers hängt auch über meinem Schreibtisch. Er erinnert einerseits sanft an unerbittliche Redaktionsschlusstermine, andererseits aber auch daran, daß kreative Arbeit ein oft bis zuletzt spannender Prozess ist – und im Sinne des Ergebnisses – auch bleiben muß. Die `letzte Minute´ heißt aber auch: Schlusspfiff, Ende, Aus.

Und so ziehen die mit jahrelanger Verspätung jetzt tatsächlich in die Flugerprobung gestarteten Projekte 787 Dreamliner von Boeing und der Militärtransporter A400M der EADS-Tochter Airbus eine Wirbelschleppe an Zweifeln hinter sich her, ob beide Maschinen wirklich noch ihren “Last-Minute-Slot” für den  Markteintritt erreichen. An der Nachfrage für effiziente Passagierflugzeuge mangelt es nicht: Nach Beobachtungen der Marktanalysten von Deloitte werden Fluggesellschaften dieses Jahr weltweit wieder mehr als 800 Flugzeuge bestellen und den abwärts gerichteten Trend von 2009 drehen.

Das klingt nicht schlecht. Boeing muß aber erst einmal kräftig an seiner Lieferfähigkeit schrauben und die monatlich zehn Maschinen  auch auf die Runways stellen, die als Produktionsrate bis 2012 angesagt sind. Zur Erinerung: Bei der 777 brauchten die Amerikaner eineinhalb Jahre, um einen monatlichen Output von zweieinhalb Maschinen hin zu bekommen.

Ob wenigstens das `Drehbuch´ der Militär-Airbus-Story  noch ein Happy-End vorsieht? Rüdiger Fox, Geschäftsführer des A400M-Zulieferers PFW Aerospace in Speyer jedenfalls hat so seine Zweifel: “Eine finanzielle Erfolgsgeschichte wird das nicht mehr.”

Erfolgversprechende Strategien, die Zeit in den Griff zu bekommen, unternehmen hingegen einmal mehr die Spezialisten der Metallbearbeitungs-Industrie. So hat Sitec Aerospace jüngst bewiesen, daß sich die Herstellzeit von Getriebeteilen glatt halbieren lässt (Seite 38). Und auch das neu gegründete Machining Innovations Network (MIN) in Varel zielt letztlich darauf ab, Fertigungsprozesse zu beschleunigen. Denn eines ist klar: Wer den Umgang mit der Zeit beherrscht, beherrscht den Markt. 

Christian Klein

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