Premium Aerotec: Abnabeln von EADS
Im internationalen Flugzeugbau positioniert sich ein neuer Zuliefer-Riese: Die Premium Aerotec GmbH. Unter diesem Namen bündeln die beiden ehemaligen deutschen Airbus-Werke Nordenham und Varel sowie das Ex-EADS-Werk Augsburg jetzt ihre Kräfte.
Die Premium Aerotec gehört als größter deutscher Zulieferer für Flugzeug-Strukturen zwar mindestens bis Ende 2011 zum EADS-Konzern, soll aber operativ ab sofort nicht mehr ausschließlich von EADS- und Airbus-Aufträgen abhängig sein.
Dennoch sind es primär die bestehenden Serienprogramme von Airbus und Eurofighter, welche die Auslastung für die nächsten dreieinhalb Jahre sichern. Wie Hans Lonsinger anlässlich der offiziellen Gründungsveranstaltung von Premium Aerotec (‚Day One‘) hervorhob, habe der Bau der neuen Hallen für die CFK-Fertigung des Airbus-Programms A350 XWB begonnen. Der Einstieg in die Zukunft mit kohlefaserverstärkten Kunststoffen (CFK) sei durch geplante Investitionen des EADS-Konzerns in Höhe von insgesamt 500 Mio Euro gesichert. Weitere 500 Mio Euro will EADS als Darlehen bereitstellen. Es soll in erster Linie in den Ausbau des Engineeringbereiches gesteckt werden.
Lonsinger, der als Präsident und CEO von Premium Aerotec die Geschäfte des Unternehmensverbundes von Augsburg aus steuert, präzisiert: „Für das Zukunftsprogramm, den Airbus A350 XWB, werden wir ab Mitte 2010 nach Inbetriebnahme unserer technologisch sehr anspruchsvollen Fertigungs-Einrichtungen loslegen.” Für den Typ A350 stünden momentan rund 440 Einheiten im Orderbuch, was mit den bereits platzierten Bauanteilen der Rumpfsektion 13/14 und der Sektionen 16 bis 18 eine „gute Auslastung” darstelle. Der aktuelle Auftragsbestand für Premium Aerotec liege in Summe bei etwa 3,5 Mrd Euro. Darin seien jedoch die Großaufträge für den neuen Passagierjet A350 und den (bereits deutlich zeitverzögerten) Militärtransporter A400 M nicht enthalten.
Lonsinger dankte den Repräsentanten der Politik „für die Unterstützung, die das Land Niedersachsen mit 80 Millionen Euro und der Freistaat Bayern mit 53 Millionen Euro in die weitere praxisnahe Forschung und Entwicklung für Luftfahrt und Materialwissenschaften investieren.” Die dort zu entwickelnden Verfahren würden neben anderen Unternehmen und Einrichtungen auch Premium Aerotec weiterbringen. Aber schon jetzt gelte: „In Deutschland sind wir mit dem 1. Januar 2009 über Nacht zum größten Zulieferer unserer Branche geworden, bei Flugzeugstrukturen stehen wir in Europa auf dem Spitzenplatz und weltweit unter den Top 5. Wir vereinen – und das ist unser großer Vorteil – das Know-how sowohl für militärische als auch für zivile Flugzeug-Strukturbauteile, und damit sowie mit unserer weiteren Entwicklung in der Kohlefasertechnologie werden wir den Spitzenplatz in unserem Teil der Branche erreichen.”
Lonsinger, der für das Jahr 2009 mit einem Umsatzvolumen von rund einer Milliarde Euro kalkuliert, ist fest entschlossen, die neuen Freiheitsgrade für Premium Aerotec konsequent zu nutzen: „Wir müssen diversifizieren und das Unternehmen für den Weltmarkt öffnen. Der Kunde muss sehen, dass das kein Airbus-Unternehmen, sondern ein neutraler Zulieferer ist.” Premium Aerotec werde sich bei allen neuen zivilen und militärischen Projekten bewerben, bei denen dies möglich sei. Zur Optimierung der Wettbewerbsposition werde bereits geprüft, eine eigene Produktion für Blech- und Frästeile in Rumänien mit bis zu 50 Mio Euro Investitionsvolumen aufzubauen oder die Lieferungen aus dem Niedriglohnland zu erweitern.
Mittelfristig könnte zudem ein Standort im Dollar-Raum hinzukommen. „Wir werden uns massiv um Bauteile für das Boeing 737-Nachfolgemodell bewerben. Dann wäre eine US-Produktion von Vorteil”, wird der 55-jährige in Agenturmeldungen zitiert. Nach den Plänen des EADS-Konzerns jedenfalls soll die neue Tochtergesellschaft auf mittlere Sicht industrielle Partnerschaften und Beteiligungen eingehen. Ein Börsengang oder ein Management-Buy-out der Premium Aerotec GmbH stünden aktuell nicht auf der Agenda, bilden aber eine Option für die Zukunft . Ein wesentlicher Schritt für Premium Aerotec wird, neben der bereits erfolgten Zulassung als von der Europäischen Zulassungsbehörde EASA anerkannter Herstell- und Instandhaltungs-Betrieb, in den nächsten zwei bis drei Jahren die Zulassung als anerkannter Entwicklungsbetrieb sein.
Christian Klein
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