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Schweiz: Zwischen Banktresoren und Alphörnern blüht die Luftfahrtechnik.

Wo immer über leistungsfähige und innovative Standorte für die Luft- und Raumfahrtindustrie diskutiert wird, darf die Schweiz nicht fehlen. Fasst man alle Unternehmen der Schweiz in einer Liste zusammen, die ihr Geld direkt oder indirekt mit der Luftfahrtindustrie verdienen, so wird schnell die Zahl 100 überschritten. Fazit: Zwischen Banktresoren und Alphörnern blüht die Luftfahrtechnik.

Die generelle Unternehmerfreundlichkeit der öffentlichen Verwaltung auf Bundesebene, in den Kantonen und Gemeinden, die Offenheit der Menschen, ihre sehr gute allgemeine und berufliche Ausbildung, all dies sind ausschlaggebende Faktoren um Ideen Raum zu geben und hochwertige Produkte für anspruchsvolle Märkte herzustellen sowie innovative Dienstleistungen anzubieten. Ein Grund, einmal für die Luft- und Raumfahrtbranche einen allgemeinen Blick auf die Eidgenossenschaft zu werfen.

Es ist das Land der Klein- und Mittelständischen Unternehmen, die oft von den Gründern, Familienmitgliedern, aber auch angestellten Managern geführt werden, die sich sehr oft in der Rolle als Patron sehen, der nicht allein das Wohl des Unternehmens und der Eigentümer im Auge hat, sondern auch das seiner Mitarbeiter.

Es mag vielleicht an dem gesellschaftlich verinnerlichten demokratischen Führungsstil liegen, der Entscheidungsprozesse in Schweizer Unternehmen sehr effizient gestaltet. Grundsätzlich kann man sagen, dass es dazu gehört, dass jeder im Unternehmen unabhängig von seiner Stellung gehört wird und seine Meinung oder Ideen einbringen kann. Weniger also die deutsche Mentalität, die immer noch unterschwellig sehr hierarchiegeprägt ist. Was dann letztenendes im betrieblichen Miteinander zählt, das ist bei Entscheidungen der “Input” des Einzelnen. Die offene, höfliche Diskussion auf Augenhöhe, sind eher die Regel, als die Ausnahme. Darin spiegelt sich gleichermassen ein Element des wirkungsvollen Projektmanagements wider: ein Projekt gerade zu Anfang mit viel Energie auf- und durchzusetzen, die erforderlichen Details frühzeitig zu klären und Entscheidungen zu treffen, um dann sehr diszipliniert an die straffe Umsetzung gehen zu können.

Die oft in Deutschland zu beobachtenden Diskussionen, Nachbesserungen oder auch das Hineinspielen von “Mikropolitik”, sind in der Schweiz spürbar weniger anzutreffen. Qualitativ betrachtet und mit anderen nationalen Kulturen im Geschäftsalltag verglichen, geht es dort in Bezug auf Unternehmensprozesse sehr “lean”, also effizient und effektiv zu. Fälschlicher- und bedauerlicherweise betrachten mit der Schweizer Arbeitskultur unvertraute Personen die Vorgehensweise bei der Arbeit bisweilen als “langsam”, was aber nicht zutreffend ist.

Professor Dr. Günter Schuh, Direktor des Aachener Werkzeugmaschinenlabors (WZL) an der RWTH, das zu den weltweiten “hot spots” im Bereich Maschinenbau, Produktiostechnik und Mangement technische Prozesse zählt, unterstrich diese Wahrnehmung. Auf der Pressekonferenz anläßlich des diesjährigen Aachener Werkzeugmaschinen-Kolloquiums im Juni, hob er ausdrücklich hervor, dass er die Managementqualität in der Schweiz als deutlich höher als in Deutschland ansieht. Eine doch recht deutliche Ansage. Seine 13 Jahre Tätigkeit in der Schweiz, in denen er Anfang der 90er-Jahre unter anderem das Institut für Technologie-Management (ITEM) an der renommierten Universität St. Gallen (HSG) aufbaute, aber auch der Aufbau und Betrieb der Schweizer Niederlassung seiner Beratungsgesellschaft, haben ihm genügend Möglichkeiten eines Einblicks in die dortigen Unternehmensprozesse gegeben.

Das allgemein positive Schweizer Unternehmensklima sowie die ausgezeichnete Infrastruktur des Landes sind für die Wirtschaft sehr förderliche Rahmenbedingungen, die einer anspruchsvollen Industriebranche wie der Luft- und Raumfahrt Genüge leisten. Zu nennen seien beispielhaft die ausgezeichnet schnellen Entscheidungswege bei den Verwaltungen oder auch die dicht vernetzte Verkehrsinfrastruktur, die es einem ermöglicht, praktisch überall innerhalb einer Autostunde einen Flughafen erreichen zu können.

Die Vielfalt der Unternehmen der Luft- und Raumfahrtbranche in der Eidgenossenschaft ist weit gefächert. Sie reicht vom Sensorsystemhersteller Vibrometer in Fribourg, dessen Geschäftsführer Peter Huber der Präsident des Branchenverbandes innerhalb der Swissmem, dem nationalen Verband der Metall- und Elektroindustrie ist, über die Akutronik, die unter anderem Testgerät für on-board-Elektronik herstellt, oder Lanthan, die im Bereich Spezialtextilien für die Oberklassensitze des Airbus A 380 tätig sind, um einige zu nennen.

International dürfte wohl Pilatus der bekannte Name sein, dessen Flugzeuge den gleichen Namen tragen. Dieses traditionelle Unternehmen spiegelt Stärken der Schweizer Industrie wieder, Langzeitstrategie und hoch leistungsfähige, damit wettbewerbsfähige Produkte zu entwickeln und zu produzieren. Dort ist der Grad der vertikalen Integration sehr hoch. Sie reicht von der Entwicklung bis hin zur Produktion der Flugzeuge. Oder, Unternehmen wie die RUAG und SAirtechnology zeigen, wie sie auf die sich ändernden Rahmenbedingungen des Marktes und der Technik angepaßt werden.

Faßt man eine Liste der Unternehmen, die in der Schweizer Aerospace-Industrie direkt und indirekt tätig sind, zusammen, dann dürfte sie sicherlich 100 und mehr Firmen umfassen.

Von den über sieben Millionen Einwohnern der Schweiz sind rund 20 % Ausländer, deren Integrationsgrad sehr hoch liegt. Es ist seit Jahren eine deutliche Zuwanderungstendenz von höher und hochqualifizierten Menschen zu beobachten, die durch die ausserordentlich günstige Arbeitsmarktsituation geprägt ist. Denn die Arbeitslosenquote liegt im Schnitt bei 2,5 bis 3 %. Zudem existiert ein im Vergleich zu Deutschland sehr sicheres und wirkungsvoll funktionierendes Sozialversicherungssystem. Ein für das Recruiting nicht zu unterschätzendes Standortargument. So sind in den vergangenen Jahren alleine aus Deutschland durchschnittlich über 15´000 arbeitnehmende Personen in die Schweiz übersiedelt. Meist Facharbeiter, gut ausgebildete Arbeitnehmer und sehr viele Akademiker. Die bisweilen berichtete Mißstimmung, daß nun zu viele Deutsche kämen, muß man zurechtrücken. Es ist die Ausnahme und Frage des sich Einfügens in das persönliche Umfeld. Die meisten gehen nicht mehr zurück, sondern etablieren sich recht gut.

Marcel Binder, Inhaber der in Baden, Kanton Aargau ansässigen Aarconsult: “Ebenso wie in Deutschland, werden hier noch sehr viele Ingenieure gesucht. Es gibt bereits Unternehmen, die nicht weiter wachsen können, weil sie nicht genügend Ingenieure finden.” Bei vielen anderen Tätigkeiten schaut es ähnlich aus. “Heutzutage ist es aber für Bürger der Kern-EU-Staaten viel einfacher geworden, in der Schweiz zu arbeiten, als das noch Anfang der 90er-Jahre war,” so Binder weiter. Als Amtsvorsteher des Migrationsamtes Aargau, das er 20 Jahre leitete und davor als Personalchef eines bekannten Autozulieferers, kennt er die Bedürfnisse und Situation des Schweizer Arbeitsmarktes schon recht genau.

Allgemein aufschlußreich als Indikator und mit Blick auf die Unternehmen, ist der Kaufkraftindex von Eurostat. Im aktuellen Vergleich mit den EU-27-Ländern, deren Kaufkraftdurschnitt 100 % gleichgesetzt ist, erreicht die Bundesrepublik Deutschland einen Wert von 124 % während die Schweiz auf 146 % kommt. Und das bei Sozialausgaben beider Länder, die in Deutschland mit 29,4 % lediglich um 0,2 % höher liegen.

Schlägt man abschließend den Bogen wieder in Richtung technisch-wissenschaftlicher Themen, so darf nicht versäumt werden, auch die Hochschulinfrastruktur anzusprechen. Hier seien die ETH Zürich, die EPFL Lausanne, die Universtäten Genf und Basel sowie die spezialisierten Fachhochschulen in den Kantonen zu nennen, die zum einen sehr gut ausgebildete Absolventen entlassen, aber auch im Bereich der Industrieforschung eine für die Luft- und Raumfahrt-Branche sehr gute Infrastruktur vorweisen können. Ein Blick auf den Betreuungsgrad Professor zu Anzahl der Studierenden, ist hier übrigens gleichermassen aufschlußreich.

Da Technik und Unternehmen stets mit Menschen und deren Grundbedürfnissen verbunden sind, bedeutet der unternehmerische Erfolg, die Entwicklung zukunftsweisender Produkte und Dienstleistungen stets auch, die sogenannten “weichen Faktoren” nüchtern bei den Technologie-Roadmaps und Business-Plänen mit zu berücksichtigen.

Herbert Joka