Triebwerkshersteller vor Neuformation
OBERPFAFFENHOFEN. Die beiden Schwerpunktregionen der deutschen Triebwerksindustrie heißen Berlin-Brandenburg und Bayern. Die Hersteller und Zulieferer der bayerischen Triebwerksindustrie sind gerade dabei, sich stärker zu vernetzen, um noch wettbewerbsfähiger zu werden.
Der Triebwerksmarkt ist charakterisiert durch moderates Wachstum, oligopolistische Angebotsstrukturen, hohe Innovationsdynamik und Wettbewerbsintensität sowie zunehmende Globalisierung. Bayern beheimatet allein rund 50% der Mitarbeiter im zivilen und militärischen Triebwerkbau für Luftfahrzeuge in Deutschland und bildet mit einem Weltmarktanteil von 8% das deutsche Zentrum der Branche.
Das `weiss-blaue´ Bundesland verfügt, angeführt von der MTU Aero Engines, über ein starkes Netzwerk aus auf dem Weltmarkt sehr wettbewerbsfähigen Teile-, Spezialkomponenten- und Modulzulieferern. Bayerische Hochschulen leisten mit Forschung und Lehre einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Triebwerksindustrie am Standort. Allerdings ist die bayerische Industrie von zu wenigen Kunden abhängig – die Zulieferer von der MTU Aero Engines als Hauptkunden und MTU wiederum im kommerziellen Segment von Pratt & Whitney, die massiv Marktanteile im Large Turbofan-Segment verloren haben. Die Chance der bayerischen Triebwerksindustrie, ihre Kundenbasis zu differenzieren, liegt in einer Beteiligung an neuen Programmen. Dazu sind große Anstrengungen in F&T notwendig. Kurzfristig reichen Verbesserungen bestehender Designs aus – mittel- und langfristig wird jedoch die Entwicklung neuer Triebwerkskonzepte notwendig.
Ähnlich verhält es sich mit den dazu notwendigen Werkstoffen und Fertigungsverfahren: Kurzfristig sind bestehende Kompetenzen für die Verarbeitung von Werkstoffen der kommenden Generation (z.B. TiAl) nutzbar. Hierin liegt eine Stärke der bayerischen Triebwerksindustrie. Jedoch nimmt mittel- bis langfristig die Bedeutung von Matrixkompositwerkstoffen zu, für die geeignete Fertigungsverfahren erst entwickelt werden müssen.
Diese Erkenntnisse entstammen der aktuellen Studie `engine bavAIRia´. [download Studie]Sie will Fragen zur Triebwerksindustrie in Bayern beantworten und die künftige Strategie entlang der gesamten Triebwerkswertschöpfungskette begründen. Weil sich Hersteller und Zulieferer der bayerischen Triebwerksindustrie stärker vernetzen wollen, haben sie vor gut einem Jahr in Zusammenarbeit mit bavAIRia e.V., der Organisation zum Management des Clusters Luft- und Raumfahrt in Bayern, den Arbeitskreis `engine bavAIRia – Triebwerksbau in Bayern´ ins Leben gerufen.
Dessen Mitglieder, MTU Aero Engines, Aerotech Peissenberg, Atena Engineering, FAG Aerospace - Schaeffler Gruppe, Leistritz Turbomaschinen Technik und Karl Binder, beauftragten bavAIRia und die Strategieberatung Roland Berger Strategy Consultants damit, zur Positionierung und Stärkung der bayerischen Triebwerkswertschöpfungskette die Situation des Triebwerkbaus in Bayern zu analysieren und daraus konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten.
Die Studie `engine bavAIRia´ mündete zwischen Februar und Mai 2008 in ein Arbeitsprogramm der bayerischen Triebwerksindustrie in Abstimmung mit dem bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Verkehr, Infrastruktur und Technologie. Jochen Schmid, Projektmanager bei bavAIRia, zieht ein erstes Fazit: „Die deutsche Triebwerksindustrie muss heute mehr denn je weltweit präsent sein. Der Technologie- und Kostenwettbewerb wird härter, die Zulieferer müssen verstärkt Partnerschaften mit den Herstellern eingehen und dabei selbst mehr Risiken übernehmen.“ Die Globalisierung biete neben neuer Konkurrenz aber auch neue Absatzchancen, so Schmid.
Wie nun kann der Wandel vom Zulieferer zum Partner gelingen? „Hier stehen insbesondere Sub-Risk-Sharing Partnerschaften zwischen OEMs und der Zulieferer-Industrie im Mittelpunkt. Beispielsweise ist eine Dachgesellschaft von Zulieferern denkbar, um gemeinsam die notwendige kritische Masse, insbesondere auch an Kapital, zu erreichen,“ heißt es in dem Arbeitsprogramm. Die Experten empfehlen zudem, einen regionalen Fertigungsverbund Triebwerksbau zu gründen.
Die Wertschöpfung verschiedener Zulieferer würde so zu einem gemeinsamen, komplexeren Angebot gebündelt. So entstünde „eine einzige Schnittstelle zum OEM oder Systemunternehmen“ und die Zulieferpotentiale in der Region würden besser genutzt. Auch würden Durchlaufzeiten und Kapitalbindung verringert. Auf technologischer Seite biete der Wandel vom konventionellen Luftfahrzeug zum `More Electric Aircraft´ (MEA) zahlreiche Chancen, vorhandene Kompetenzen, insbesondere in der Elektrotechnik und Mechatronik, zu nutzen und weiter auszubauen. Hierzu ist der Ausbau des neuen Kompetenzzentrums `More Electric Engine´ (MEE) an der Bundeswehr-Uni in München geplant.
Unter technologischem Blickwinkel hat die Studie verdeutlicht: Die Kernkompetenzen des bayerischen Triebwerkbaus liegen im sogenannten `heißen Bereich´, also im Kerntriebwerk. Um langfristig an der Spitze der Technologieentwicklung mitspielen zu können, sollen die Unternehmen bei Fertigungsverfahren für Titanaluminide sowie Titan- und Nickelbasislegierungen übergreifend kooperieren.
von Christian Klein
erschienen in Produktion Nr. 32, 2008

